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Die (Un-)Wichtigkeit des ersten Satzes

Aktualisiert: 4. Mai

heller HIntergrund, darauf geschrieben "Kapitel 1", und darunter "... Und weiter?"

«Wenn sie lange genug leben, vergessen sie alles.»

 

Wow, was für ein Einstieg. Ehrlich gesagt, finde ich dieses «Der erste Satz entscheidet über das Schicksal deines Buches» übertrieben. Wenn es um Werbetexte geht, stimme ich ganz klar zu, aber bei meinen Büchern stresse ich mich deswegen nicht. Wenn jemand mein Buch gekauft hat (oder auch nur die Leseprobe liest) gehe ich einfach davon aus, dass die Person willens ist, sich darauf einzulassen, und ich zumindest einen Abschnitt lang Zeit habe, Interesse zu wecken.

 

Aber der oben zitierte Satz hat mich dermassen begeistert, dass er mich dazu inspiriert, in Zukunft doch etwas mehr Hirnschmalz in meine ersten Sätze zu investieren. Der Satz stammt aus «Der weisse Knochen» von Barbara Gowdy – und vielleicht hat er es dir schon verraten: In dem Buch geht es um Elefanten.

 

Dieser erste Satz haut nicht nur rein, er setzt auch gleich den Grundton des Buches. So geht es weiter: «Aber die meisten von ihnen leben nicht so lange. Neun von zehn werden in der Blüte ihres Lebens abgeschlachtet, Jahrzehnte bevor ihr Gedächtnis durchlässig wird. Ich spreche also von der Mehrheit, wenn ich sage, es stimmt, was Sie gehört haben: Sie vergessen nie.»

 

Selbst Monate, nachdem ich «Der weisse Knochen» gelesen habe, bekomme ich Gänsehaut bei diesen Worten. Allerdings hatte das gesamte Buch diese Wirkung auf mich – nicht nur der erste Satz. Es ist halt ein gutes Buch.

 

Mein Fazit: Schlaflose Nächte werde ich mir von ersten Sätzen weiterhin nicht bescheren lassen – eine so hohe Bedeutung messe ich dem Ganzen einfach nicht bei. Ich sehe es so: Wenn dein Buch Mist ist, kann auch ein genialer erster Satz es nicht retten. Und wenn dein Buch toll ist, dann ist ein bleibender erster Satz einfach noch ein zusätzliches Zückerli obendrauf.


Wenn du also gerade an deinem ersten Buch schreibst und immer wieder hörst, dein erster Satz müsse absolut überragend sein, da dein Werk ansonsten von niemandem gelesen wird: ignorieren. Konzentriere dich darauf, eine insgesamt durchdachte, handwerkliche gute Geschichte zu schreiben, und lass dich von deinem ersten Satz nicht verrückt machen.

 
 
 

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